Elternratgeber
Wenn wir selbst Eltern werden – und plötzlich unsere eigene Kindheit neu sehen
Wenn wir selbst Eltern werden, verändert sich plötzlich alles. Plötzlich schauen wir nicht nur auf unser Baby, sondern auch auf uns selbst. Auf das kleine Mädchen oder den kleinen Jungen, die wir einmal waren. Auf all die Momente, die uns geprägt haben – die schönen und die schwierigen.
Ich erinnere mich an einen Abend, an dem ich meine Tochter auf dem Arm hielt. Sie konnte nicht einschlafen, weinte leise, und ich wiegte sie sanft. Ich sagte: „Alles gut, ich bin da.“
Und plötzlich kam eine Erinnerung hoch – an mich selbst, als Kind, allein im Bett, mit Angst und dem Wunsch nach Trost. In diesem Moment hielt ich nicht nur meine Tochter im Arm. Ich hielt ein Stück von mir selbst.
Solche Momente sind kein Zufall. Wenn wir Eltern werden, trifft uns unsere eigene Kindheit wieder – mal leise, mal heftig. Plötzlich wird uns bewusst, was wir an Nestwärme vielleicht vermisst haben. Welche Muster uns geprägt haben. Welche Ängste wir selbst noch mit uns herumtragen. Und wir fragen uns: Kann ich meinem Kind all das geben, was mir vielleicht gefehlt hat?
Diese Fragen sind normal. Sie sind sogar gut. Sie zeigen: Wir reflektieren. Wir wollen hinschauen und bewusst handeln. Denn alte Muster wirken oft unbewusst weiter. Schon kleine Trigger – ein Weinen, ein Trotz, eine Überforderung – können uns an alte Gefühle erinnern, die wir als Kind erlebt haben.
Doch genau hier liegt die Chance. Indem wir uns selbst beobachten, innehalten und reflektieren, können wir diese alten Verletzungen unserer Kindheit erkennen – und nach und nach durch neue, liebevolle Erfahrungen ergänzen.
Ich lade euch ein, das einmal bildlich zu sehen:
Stellt euch ein Blatt Papier vor. Zu Beginn ist es glatt, wie ein Kind, das geboren wird. Mit den Jahren entstehen kleine Knicke durch Erfahrungen, durch Verletzungen, durch Mangel oder Überforderung. Wir tragen diese Knicke mit uns. Wir können sie nicht löschen. Aber wir können neue Falten hinzufügen – durch unsere Entscheidungen, unsere Worte, unser Verhalten. Durch das, was wir unseren Kindern schenken.
Und manchmal passiert etwas Wunderschönes: Während wir unserem Kind Liebe, Verständnis und Sicherheit geben, erleben wir selbst Heilung. Wir sehen unsere eigene Kindheit durch andere Augen. Wir dürfen fühlen, was damals gefehlt hat. Wir lernen, Mitgefühl für uns selbst zu entwickeln.
Elternschaft ist keine Perfektion. Sie ist ein Wachsen – für das Kind und für uns selbst. Die kleinen Momente, die einfachen Augenblicke des Zusammenseins, sind es, die uns und unser Kind prägen. Ein Blick, ein „Mama, schau mal“, ein einfaches „Ich bin da“ – sie sind stärkere und wichtigere Momente als wir denken.
Wenn du also manchmal zweifelst, überfordert bist oder Angst hast, etwas falsch zu machen: Es ist normal. Du bist nicht allein. Du darfst die alten Muster erkennen, du darfst straucheln, du darfst traurig sein. Und du darfst gleichzeitig jeden Tag neue Wege gehen – für dein Kind und für dich selbst.
Denn genau darin liegt die Magie des Elternseins: Während wir versuchen, unserem Kind eine gute Kindheit zu schenken, bekommen wir selbst die Chance, ein Stück liebevoller mit uns selbst umzugehen.
Liebe Grüße
Doreen
Heilpraktikerin für Psychotherapie & Persönlichkeitsentwicklung
